AfD vs. Volksparteien: Schlachtfeld Social Media

Deutschland, Februar 2016: Eine Partei namens Alternative für Deutschland geriert sich als einzig wahre Volkspartei, während die alten Volksparteien wiederum versuchen, sich mit allen Mitteln gegen die rechtsaußen stehende Partei zu stemmen. Die selbsternannte Alternativenpartei kann unterdessen in mehreren Wahlumfragen auf zweistellige Ergebnisse blicken und fühlt sich in ihrem Anspruch bestätigt. Unterdessen verliert die CDU bei den Meinungsforschungsinstituten und die SPD verweilt weiterhin im 25%-Tief. Bei den kürzlich unternommenen Versuchen, der aufstrebenden Rechtspartei auf etwas krude Art und Weise Paroli zu bieten, machten die großen Altparteien einen bisweilen verzweifelten Eindruck.

AFD social media

Während die AfD nicht in die öffentlich-rechtlichen Elefantenrunden eingeladen werden sollte, gewinnt sie in den sozialen Netzwerken immer mehr an Gewicht. In diesem TV-Format nicht aufzutauchen, wäre vor einigen Jahren noch mit einer Wahlniederlage gleichzusetzen gewesen. Doch die Zeiten haben sich geändert und die digitalen Kommunikationskanäle der Parteien sind mittlerweile viel mehr als nur unbedeutende Nebenschauplätze der politischen Debatte. Es wird also Zeit, sich den Social-Media-Auftritt der AfD einmal genauer anzusehen.

Da es das größte und in Deutschland einflussreichstes Netzwerk ist, möchte ich mich hier auf Facebook beschränken. Um die entsprechenden Daten effektiv aufbereiten zu können, greife ich auf das Social Media Analytics Tool quintly zurück. Dies ermöglicht nicht nur die übersichtliche Darstellung der relevanten Daten, sondern auch eine vergleichende Betrachtung der Seitenstatistiken von AfD sowie CDU und SPD. Hier werde ich sowohl die absolute Zahl der Fans als auch die Fan Change Rate betrachten. Letzterer Indikator zeigt die relative Veränderung der Followerzahl gegenüber dem Vortag. Der Prozentwert ermöglicht insbesondere den Vergleich unterschiedlich großer Seiten.

Eine Bestandsaufnahme

Egal wie viel man auf Facebook veröffentlicht, ohne Follower erzeugt die Social Media Präsenz wenig Wirkung. Die AfD muss allerdings keine Angst haben, dass sie auf den sozialen Netzwerken kein Gehör findet. Zählt man ihre und die Follower von SPD und CDU zusammen, so kommt die AfD auf über 50% der Gesamtzahl – insgesamt folgen ihr somit mehr Menschen, als auf den Seiten der beiden Volksparteien auf Gefällt mir geklickt haben. In absoluten Zahlen heißt das: während die SPD am 31. Januar 2016 auf 94.487 und die CDU auf 100.370 Follower kam, konnte die AfD bis zu diesem Datum 215.905 Fans für sich gewinnen.

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Abb. 1: Anteile der Parteien an der Gesamtfollowerzahl

Während man stets beachten muss, dass Menschen auch Seiten von Parteien folgen, die ihnen nicht tatsächlich gefallen, ist der Unterschied dennoch beachtlich. Die 2013 gegründeten AfD kann mehr als doppelt so viele Follower wie die im frühen Nachkriegsdeutschland geschaffene CDU auf sich vereinigen.

Ein Blick zurück

Blicken wir ein wenig zurück in die Vergangenheit, besser gesagt in das Gründungsjahr der AfD. Bei etwa 27.000 Followern überholte sie am 25. April 2013 das erste mal eine der beiden Volksparteien – damals noch die CDU. Anfang Juli zog sie dann auch an der damals führenden SPD vorbei, wonach die AfD bis heute nie wieder hinter die Volksparteien zurückfallen sollte.

Mit der Bundestagswahl 2013 erhielten alle drei Parteien einen ordentlichen Aufwind, die CDU überholte die SPD und die AfD konnte ihren Vorsprung nochmals deutlich ausbauen. Die Aufmerksamkeit der Wahl konnte sie damit am erfolgreichsten nutzen, was vielleicht nicht zuletzt daran lag, dass sie nur ziemlich knapp einen Einzug in den Bundestag verpasst hatte.

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Abb. 2: Follower von SPD, CDU und AfD von April bis November 2013

Auch die im Mai 2014 stattfindende Europawahl konnte die AfD ein weiteres mal für sich nutzen. Damals gewann sie in einem Monat etwa 20.000 neue Follower. Den Wachstumstrend konnte die Partei dabei bis Anfang 2015 halten. Im Februar setzte jedoch eine Trendwende ein. Trotz ihres Einzuges in die Hamburger Bürgerschaft konnte die AfD ihren Erfolgskurs nicht weiter fortsetzen. Warum?

Der zerstrittene Parteispitze

Die Alternative für Deutschland hatte den Ring ursprünglich als euroskeptische Partei betreten. So nüchtern ihr Programm damals formuliert war, so aufgeheizt war die Stimmung jedoch schon früh nach ihrer Gründung. Durch ihren Kurs der Re-Nationalisierung in europäischen Fragen bildete die AfD schnell eine attraktive Anlaufstelle für national-konservative Kräfte.

Die wirtschaftsliberale Strömung um den Gründer und damaligen Parteichef Bernd Lucke sah sich rasch einem erstarkenden rechten Flügel gegenüber, zu dessen weiblicher Galleonsfigur Frauke Petry wurde. Im Frühjahr 2015 gewann der Zwist der Parteispitze weiter an Schärfe, sodass sich die beiden Politiker sowie die beiden Strömungen immer weiter voneinander entfernten. Schon ab Mitte April versetzte der Streit und ein Mangel an inhaltsbezogenem Handeln die AfD in einen leichten Abwärtstrend bezogen auf die Zahl der Fans auf Facebook. Hier konnte die Partei in der Sonntagsfrage (Forsa) nur noch zwischen vier und sechs Prozent erlangen. Am 4. Juli kam es schließlich bei einem außerordentlichen Parteitag zur Kampfabstimmung und Lucke verlor den Parteivorsitz.

Die Talfahrt setzt sich fort?

Nach dem Wechsel des Parteivorsitz machte die Kurve der Follower auf Facebook einen deutlichen Knick nach unten – in kürzester Zeit nach dem Parteitag sowie Luckes Austritt aus der AfD am 10. Juli 2015 verlor diese etwa 5.000 Fans. Da der ehemalige Chef gleichzeitig das Gesicht einer wirtschafts-liberal geprägten Partei war, kann das Wegbrechen der Follower durchaus als Enttäuschung über den Triumph der rechts-nationalen Frauke Petry gewertet werden.

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Abb. 3: Follower der AfD im Juli und August 2015
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Abb. 4: Fan Change Rate von SPD, CDU und AfD im Juli 2015

Obwohl sie eindeutig verlor, lag die Alternative für Deutschland Ende August 2015 dauerhaft weit über dem Niveau von CDU und SPD. Diese hatten zu dem Zeitpunkt jeweils etwa 94.000 respektive 86.000 Fans auf sich vereinigen können, während sie beide einen leichten aber stetigen Wachstumstrend verzeichnen konnten. Die relative Veränderung der einzelnen Parteien lässt sich besonders gut durch die Fan Change Rate vergleichen. Hier werden deutliche Verluste der AfD bei einem gleichzeitigen Wachstum der Volksparteien sichtbar. Parallel zu ihren einbrechenden Followerzahlen kam die AfD im Sommer 2015 auf ihre niedrigsten Umfragewerte seit langem. Zwischen dem 1. Juni und 31. August schwankte sie zwischen drei bis maximal fünf Prozent (Forsa).

Das Comeback

Nach Luckes Weggang wurde eifrig der mögliche Untergang der AfD diskutiert.  Blickte man zu diesem Augenblick auf die schlechten Umfragewerte sowie die sinkende Zahl der Follower, erschien ein Bedeutungsverlust der Partei als durchaus wahrscheinlich. Der September des vergangenen Jahres läutete jedoch eine massive Trendwende ein.

Am 31. August sprach die Kanzlerin ihr mittlerweile zum Allgemeinplatz gewordenes Wir schaffen das aus. Diese polarisierende Aussage spielte der AfD offensichtlich in die Tasche, denn sie war die einzige Partei, welche diejenigen, die die Botschaft der Kanzlerin ablehnen, im politischen Spektrum glaubhaft zu vertreten schien. Mit dieser Annahme ließe sich zumindest erklären, warum parallel sowohl ihre Followerzahl als auch – obwohl mit einer leichten zeitlichen Verzögerung – ihr Wert in den Umfragen anstieg.

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Abb. 5: Follower von SPD, CDU und AfD von August bis Dezember 2015
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Abb. 6: Fan Change Rate von SPD, CDU und AfD von August bis Dezember 2015

Von September bis Ende November 2015 konnte die AfD sehr große Zuwächse verbuchen, während sie noch bis kurz vorher immer wieder Fans verlor. Der in Abb. 6 gezeigte Zeitraum verdeutlicht dabei auch, welche Ereignisse generell die Zu- und Abflüsse der Follower beeinflussen.

Die CDU kann dabei einen Peak in Tagen nach der Positionierung der Kanzlerin verzeichnen. Bei der SPD zeigt sich eine Spitze um den 25. August. Am Vortag bezeichnete der Vizekanzler und Parteichef Sigmar Gabriel rechte Demonstranten, die vor einem Flüchtlingsheim im sächsischen Heidenau randalierten, als Pack. Die Aussage, die am Folgetag mutmaßlich zu einer Bombendrohung in der Berliner Parteizentrale führte, brachte der SPD einige neue Follower. Zu einem stark gesteigerten Interesse kam es im November nochmals aufgrund des Todes von Helmut Schmidt. Bis Ende Dezember näherte sich die Fan Change Rater der AfD dann wieder einem niedrigeren Wert an, der jedoch den der beiden Volksparteien weiterhin überstieg. In den Umfragen kam die Alternative für Deutschland zu diesem Zeitpunkt auf acht Prozent (Forsa).

Wasser auf die Mühlen

Das neue Jahr schien friedlich begonnen zu haben, doch ab dem 4. Januar 2016 mehrten sich Berichte, es hätte in der Silvesternacht in Köln massive Übergriffe sowie Diebstähle durch Menschen nordafrikanischer Herkunft gegeben. Einen Tag später meldete sich AfD-Politiker Björn Höcke auf Facebook folgendermaßen zu Wort:

Die Silvesternacht hat unserem Land mit den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof einen Vorgeschmack auf den drohenden Kultur- und Zivilisationszerfall gegeben. Hunderte Frauen wurden Opfer einer Gruppe von 1000 (!) nordafrikanischen, jungen Männern.

Genauso wie ihr Erfurter Kollege sah sich die AfD-Chefin Frauke Petry bestätigt und äußerte dies ebenfalls in einem Post auf Facebook:

Hier sehen wir die entsetzlichen Folgen einer katastrophalen Asyl- und Migrationspolitik in der Lebensrealität Deutschlands im Jahr 2016.

Auf den Vorfall bezugnehmend stellte sich die Alternative für Deutschland ganz deutlich als politische Heimat derjenigen dar, die hier das verheerende Ergebnis einer von der Kanzlerin getragenen Willkommenskultur sahen. Die AfD konnte somit nochmals an Fans gewinnen und dies so stark wie nie zuvor. Dementsprechend erhielt die Partei im Monat Januar etwa 35.000 neue Follower. Da das Thema ein äußerst starkes Wachstum verursachte, liegt die Annahme nahe, dass viele Menschen auf Gefällt mir geklickt haben, die vorher bereits vermuteten, die Asylpolitik der Bundesregierung könne fatale Folgen mit sich bringen. Der große Erfolg auf Facebook spiegelt sich auch in den Umfragewerten der AfD wieder, die derzeit bei zehn Prozent liegen (Forsa, 3. Februar 2016).

Die Followerkönigin unter den Parteien

Auch 2016 ist die AfD – gemessen an ihren Followerzahlen – die stärkste politische Kraft auf Facebook. Seit der letzten Bundestagswahl ist sie hier erfolgreicher als alle anderen deutschen Parteien. 2015 sah es dabei bisweilen so aus, als könne die AfD aufgrund interner Streitigkeiten zwischen dem national-konservativen und dem wirtschaftsliberalen Flügel sowie einem Mangel an Inhalten in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Durch die große Zahl ankommender Flüchtlinge gelang es ihr jedoch, sich als deutschlandweit agierende rechts-populistische Kraft zu etablieren und somit von der hitzigen Debatte zu profitieren. Vergleicht man sie in Bezug auf ihre kleinere Mitgliederzahl und ihre relativ kurzen Existenz mit der CDU und SPD, so stehen die traditionsreicheren Volksparteien jedenfalls auf Facebook als deutliche Verlierer da.

Nichtsdestotrotz bleibt abzuwarten, inwiefern die Alternative für Deutschland dauerhaft von der Ausländer- und Asylthematik profitieren kann. Darüber hinaus befindet sich die Partei bisher weitestgehend in der außerparlamentarischen Opposition – was von ihrem Follower- und Umfragehoch bleiben wird, wenn sie in weitere deutsche Parlamente einzieht und zu effektiver Politik gezwungen ist, wird sich noch zeigen müssen.

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Anhang: Gesamtüberblick von Juni 2015 bis Februar 2016

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Abb. 7: Follower von SPD, CDU und AfD von Juni 2015 bis Januar 2016
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Abb. 8: Fan Change Rate von SPD, CDU und AfD von Juni 2015 bis Januar 2016

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